Eine Leseprobe aus

"115 Tage an Tisch 10 - Wellengeflüster auf Weltreise"

Aus dem Kapitel: "Das Salz der Südsee"

„Ach, hier bist du, na da kann ich dich ja lange suchen“, sagte Rosi, die plötzlich vor Jessicas Liege stand. Jessica blickte auf.
„Wo ist denn Tim?“
Jessica zuckte mit den Schultern.
„Wir hatten Streit“, verriet sie und klappte ihren Laptop zu.
„Magst du darüber sprechen?“, fragte Rosi.
„Nee, eigentlich nicht“, meinte Jessica, fügte aber noch hinzu: „Er hat für mich heute um 16 Uhr einen Arzttermin im Hospital gemacht, weil ich nach dem Frühstück das Omelett ausgespuckt habe.“
Rosi nickte, im Grunde beruhigte sie das sehr und sie streichelte Jessica sanft über die Wange, als sie sah, dass diese Tränen in den Augen hatte. Sie schaute auf die Uhr, es war kurz vor 12. Sie zog Jessica mit sich hoch und meinte: „Du gehst jetzt mit uns zum Mittagessen, wir gehen heute mal nach Deck 2 und lassen uns am Platz bedienen. Danach kommen ja diese Piraten, also ich habe ein wenig Angst, sind bestimmt Wilde, die da an Bord kommen, aber Rita und Ute wollen danach unbedingt die Verkaufsstände im Atrium besuchen. Die zwei meinten, sie seien total untershoppt bei diesen ganzen Seetagen, dabei hat Ute doch kaum noch Geld. Da gehst du auch mit.“
Jessica war sehr froh über diese lieb gemeinte Einladung und folgte Rosi gern. So musste sie wenigstens nicht allein essen, wobei sie jetzt erst merkte, dass sie wirklich Hunger hatte.

Nachdenklich blieben die Geister zurück, die noch immer auf dem Kopfteil der Liege saßen. Eine Weile sprachen sie kein Wort, dann meinte Paul: „Also, was Jessi da schreibt, ist wirklich großartig, da hat man beim Lesen gleich Bilder im Kopf.“
„Hm“, war Erwins Antwort.
„Ich glaube, sie erkennt ihr Talent gar nicht“, fuhr Paul fort.
Erwin schwieg.
„Hast du was?“, wollte Paul wissen.
„Ich denke gerade über diese Weltreisenden nach“, gab Erwin zu.
Fragend hob Paul seine rechte Augenbraue.
„Man denkt doch, wenn jemand so eine Reise macht, dann ist das die absolute Glückseligkeit. Einmal im Leben die ganze große Freiheit genießen, die schönsten Plätze der Erde sehen. Tatsächlich aber schleppen sie alle ihre Probleme von zu Hause mit an Bord und diese vertiefen sich zum Teil auch noch. Seltsam, oder?“
„Ja“, fand Paul, „speziell Jochen ist auch noch immer ein Problem. Nun hat er zwar ein neues Handy, weiß Iris‘ Nummer aber nicht auswendig. Ich hörte, wie er sich bei Silvia beklagte, dass seine Smartcard wohl auch kaputt sei.“
„Ob Silvia damit vielleicht sogar etwas zu tun hat?“, mutmaßte Erwin.
Paul zuckte mit den Schultern und wechselte das Thema: „Willst du dir denn auch gleich die Piraten ansehen?“
„Klar“, meinte Erwin.
„Hoffentlich tun die uns nichts. Das Schiff werden sie wohl nicht kapern, oder?“
Erwin brach in einen Lachkrampf aus und haute Paul gut gelaunt auf die Schulter. Dann sagte er: „Paul, das kann uns doch egal sein, sie können uns doch nicht sehen.“
Paul schlug sich mit der Hand an den Kopf und schüttelte sich nun auch vor Lachen, wieso vergaß er bloß immer, dass er ein Geist war? Kurz kam in ihm wieder das Warum auf, doch als Erwin rief: „Schau, da am Horizont sind die Pitcairn Islands schon zu sehen, lass uns hinauffliegen nach Deck 14“, schob er diesen Gedanken schnell und sehr gern beiseite.

Im Restaurant auf Deck 2 war mittags freie Platzwahl, doch als die Landfrauen und Jessica sahen, dass ‚ihr‘ Tisch 10 noch komplett frei war, steuerten sie, ohne sich abzustimmen, direkt auf diesen zu. Sie ließen sich auf ihre abendlichen Plätze fallen und Don Michael winkte ihnen erfreut zu. Rita war wieder schwer mit ihren Häkelsachen beladen. Als sie nachfragte, wo Tim sei, begann Jessica nochmals, die Geschichte von heute Morgen zu erzählen. Sie ließ sogar die Geschichte mit dem hinterhergeworfenen Schuh nicht aus. Rita bog sich vor Lachen, wurde aber gleich wieder ernst, als sie Jessicas traurigen Blick sah. Diese schämte sich sehr für ihren unkontrollierten Ausbruch. Bevor Rita gute Ratschläge erteilen konnte, nahte Don Michael auch schon mit der Mittagsspeisekarte. Still begannen die Frauen zunächst darin zu lesen.
„Schon wieder Bohnensuppe, man echt, die kann ich auch zu Hause essen“, stöhnte Rita genervt auf, „ewig wiederholt sich hier alles.“
„Oh, Tortellini alla panna“, freute sich Jessica, denn das war eins ihrer Lieblingsgerichte.
„Grasschnitzel“, las Ute vor, „was zum Himmel ist denn ein Grasschnitzel? Also die Übersetzungen in die deutsche Sprache sind mehr als schlecht.“
„Grasschnitzel gab es schon mal, was essen wir denn nun?“, piepste Rosi.
Rita winkte dem Kellner und schrie:
„Tortellini tutti, tutto bene?“
Don Michael lächelte entspannt und begann, die Getränkebestellungen aufzunehmen. Rita beugte sich über den Tisch und wollte gerade, wie Jessica vermutete, das Thema Tim wieder aufnehmen, als Silvia, Jochen und Jan an den Tisch traten.
„Ist bei euch noch frei?“, fragte Silvia.
Alle bejahten. Jan jubelte, weil der Platz neben Jessica noch frei war und er nun dort sitzen durfte. Sollten Silvia und Jochen überrascht sein, dass Tim nicht da war, sie ließen es sich nicht anmerkten und fragten auch nicht nach ihm. Jessica hatte nachmittags an einem der letzten Seetage mal allein mit Silvia Kaffee getrunken und sie hatten sich gegenseitig ihr Herz ausgeschüttet. Deshalb war Jessica genau im Bild über die katastrophale Lage der Familie. Heute sah sie Silvia an, diese lächelte, was Jessica für ein gutes Zeichen hielt. Sie war von dieser Frau beeindruckt, die beschlossen hatte, wie eine Löwin um ihren Mann und ihre Ehe zu kämpfen. Dazu gehörte eine besondere Stärke. Rita lehnte sich wieder zurück. Sie würde Jessica später ihre guten Ratschläge in puncto Männer erteilen. Jessica wandte sich Jan zu, als sie sah, dass er sein geliebtes Kuscheltier gar nicht bei sich hatte: „Hat Cruisy denn gar einen Hunger?“
„Nee“, brabbelte der Kleine, „der sitzt auf der Kabine und beobachtet das Meer. Gleich kommen nämlich echte Menschen an Bord, die wohnen da.“
Er deutete auf die Insel, die nun immer näher kam. Sie war sehr bergig und steinig, aber sie leuchtete in der Mittagssonne in einem satten Dunkelgrün. Jessica lächelte.
„48 Menschen leben da, alles Piraten“, erklärte Jan mit wichtiger Stimme, „aber nur 24 kommen, der Rest ist sicher in der Schule.“
„Woher weißt du das denn?“, fragte Rosi kauend nach.
„Tante Herlinde hat mir das heute Morgen erklärt“, trumpfte Jan auf.
„Dass die mal was weiß“, konterte Rita.
Alle am Tisch grinsten, Jan packte weiter aus:
„Das sind alles die Maurer von der Bounty.“
„Meuterer, heißt es, Jan, und es sind heute keine Piraten mehr, sondern die Nachfahren“, verbesserte Silvia und schlug die Speisekarte auf, die Don Michael ihr reichte. Ihr Sohn sah sie mit großen Augen an, dann meinte er: „Was ist denn meutern?“
Sein Vater strich ihm liebevoll über den Kopf und erklärte: „Das, was du machst, wenn du abends ins Bett sollst und nicht willst.“
Jan nickte, insgeheim freute er sich, dass er so viel Talent hatte wie diese Leute, die ja bestimmt schon erwachsen waren.
„Wenn ich groß bin, werde ich dann auch Pirat, denn meutern kann ich ja schon.“
Damit erheiterte er nicht nur Tisch 10, sondern auch alle deutschsprachigen Gästen, die in der Nähe saßen und ihn hören konnten.
„Pirates, pirates“, rief Don Michael aus und deutete mit seinem Zeigefinger auf das Meer.
Alle sprangen auf und sahen hinaus. Ein kleines Boot, welches neben ihrem großen Kreuzfahrtschiff wie eine Nussschale wirkte, fuhr direkt auf die Kosta Onda zu. Sie erkannten Menschen, die dem Schiff fröhlich zuwinkten. Alle an Tisch 10 winkten aus Leibeskräften zurück, und Rosi begann vor Rührung zu weinen.
„Das ist so nett, dass die uns besuchen kommen“, meinte sie gerührt.
„So, wenn die Piraten winken, dann hast du also keine Angst mehr vor denen“, kommentierte Rita kopfschüttelnd.
„Sind das nun wirklich Piraten oder nicht?“, quengelte Jan.
Die Antwort darauf bekamen die Landfrauen und Jessica nicht mehr mit, denn sie hatten eilig den Speisesaal verlassen, um mit dem Lift nach Deck 9 hinaufzufahren, schließlich mussten die Besucher doch gebührend empfangen werden! Zurück blieben vier halbvolle Teller Tortellini alla panna, die Don Michael natürlich sofort abräumte.



Eine Leseprobe aus

"Jahresausklang auf Sylt - Wellengeflüster in Westerland"


Prolog

Ich saß auf dem Dachfirst unseres Kapitänshauses und beobachtete mit einem Fernglas das Geschehen. Paul, meine bessere Hälfte, kam zu mir hinaufgeflogen. Er fragte:
„Na, hältst du Ausschau nach neuen Abenteuern?“
„Hm“, brummte ich und fuhr fort: „Nö, eigentlich nicht, ich beobachte nur gerade, wie wahre Menschenmassen zum Jahresausklang auf die Insel strömen. Die Autozüge fahren doppelt, die Syltfähre ist ausgebucht und dort hinten kann ich sogar ein Segelboot sehen, welches sich der Insel nähert.“
„Das ist ja nichts Neues zu Silvester“,
seufzte Paul und kuschelte sich liebevoll an meine Schulter.
„Stimmt eigentlich“, gab ich zu und küsste ihn leicht auf die Wange.
„Weißt du noch letztes Jahr? Da waren wir auf Kreuzfahrt zum Jahresausklang auf Madeira“, sagte Paul und in seiner Stimme klang ein wenig Wehmut mit.
Ich nickte und antwortete:
„Oh ja, das war eine aufregende Reise. Wen haben wir nicht alles kennenge-lernt, sogar einen Engel, den großen Amor. Und er hat recht behalten, als er mit seinem Smartphone in die Zukunft googelte. Kaum waren wir zurück, da hat Kapitän Körner das Haus Erwin übernommen.
„Er macht seine Sache mit der Vermietung der Zimmer und der Gästebetreuung ganz gut“, befand Paul.
Dann fuhr er fort:
„Es ist natürlich schön, den kleinen Frederic jetzt täglich zu sehen.“
Das war typisch für meinen Mann, schon im Leben hatte er Kinder gern gehabt. Sie fragen sich langsam, wer hier zu Ihnen spricht, nun, gestatten Sie, dass wir uns kurz vorstellen. Wir heißen Paul und Erwin und sind Geister. Ja, richtige Geister. Wir wohnen im Haus Erwin in Westerland auf der schönen Insel Sylt. Wir sind ein gleichgeschlechtliches Paar und flüchteten damals, in den Sechzigerjahren, von Hamburg, als diese Art der Liebe noch verpönt war, auf die Insel und eröffneten unsere Pension Haus Erwin in einem alten Kapitänshaus, welches wir liebevoll umbauten und restaurierten. Die Pension wurde zum Kult auf der Insel und uns liefen sogar die Promis die Türen ein. Speziell das Freitagnachmittagsessen, welches ich stets selbst zubereitete, wurde der Renner. Unsere acht Themenzimmer vom Kapitäns- bis zum Ahnenzimmer standen nie lange leer. Vor ein paar Jahren ereilte uns leider ein schwerer Autounfall, Paul bekam in der Braderuper Heide die Kurve nicht, wir waren sofort tot. Doch plötzlich – nach der Beerdigung – saßen wir wieder in unserem Garten, nur eben als Geister. Manchmal würden wir gern wissen, warum das so ist, aber vielleicht werden wir es noch erfahren. Also bezogen wir die leere Dachkammer im 2. Stock des Hauses und freuten uns, dass die Nachbesitzer die Pension in unserem Sinne weiterführten. Letztes Jahr hatte ich meinem Paul eine Freude gemacht und war mit ihm per Kreuzfahrtschiff zum Jahresausklang nach Madeira gereist. Er wollte nach Jahren wieder mal ein großes Feuerwerk sehen. Hier auf Sylt war das aufgrund der zugegeben schönen reetgedeckten Häuser eher klein gehalten. Es waren aufregende Tage gewesen, schon auf der Hinfahrt lernten wir Kapitän Körner kennen, der jetzt unser Haus Erwin führt, aber nun hole ich zu weit aus, denn das war eine andere Geschichte. Als Geister sind wir natürlich unsichtbar, nur Kinder und Tiere können uns sehen.
„Schatz?“, fragte Paul.
„Ja“, antwortete ich.
„Kommen heute noch neue Gäste an?“, wollte er wissen.
»Das Ahnenzimmer wird wieder belegt, wie ich Kapitän Körner heute Morgen sagen hörte, als er mit Gästen telefonierte. Sie sitzen gerade im Zug und fahren über den Hindenburgdamm. Wir kennen sie, es sind unsere Stammgäste Uschi und Werner.“
„Oh schön, die beiden wiederzusehen. Ich flieg rein, mir ist es zu kalt hier oben“, meinte Paul.
Darüber konnte ich nur den Kopf schütteln, wir Geister können keine Tempe-raturen fühlen, aber schon früher war Paul eine wahre Frostbeule gewesen und noch heute klagte er in den Wintermonaten, dass ihm kalt sei. Er schien sich auch nach Jahren an dieses Gefühl zu erinnern. Ich nahm wieder mein Fernglas zur Hand und beobachtete weiter den Segler. Anders als erwartet, nahm er nicht Kurs auf den Hafen Munkmarsch, sondern driftete gen List ab. Mir fiel ein, dass Ebbe war, da zierte nur Schlick den Hafen und so musste er nach List ausweichen. Jetzt konnte ich den Namen des Schiffes am Bug le-sen, „Gerlinde“.
„Ein altmodischer Name für so ein tolles Segelboot“, dachte ich und fragte mich, warum der Besitzer ihn wohl gewählt hatte?
Dies und noch vieles mehr werde nicht nur ich, sondern auch Sie in Kürze erfahren beim Jahresausklang auf Sylt und einem Wellengeflüster in Westerland, welches seinesgleichen suchen wird.

Ihr Geist Erwin


Eine Leseprobe aus der Kurzgeschichte

"Tania" von Brina Stein aus

"Aus Liebe zum Meer - eine maritime Anthologie"

Tania

Ich glitt lautlos auf die Ostsee hinaus. Das Meer war sanft und das Wasser plätscherte leise an meinen Bug. Es fühlte sich an, als ob es mit mir kuscheln wollte. Das war längst nicht immer so, oft konnte es rau und so tosend sein, dass es meterhohe Wellen krachend über mir zusammenschlagen ließ. Am Horizont sah ich die Umrisse des Fährschiffes schärfer werden. Ich bin ein Lotsenboot. In der Sommersaison, wenn die An- und Abfahrtszeiten der Fähren im Hafen von Travemünde doppelt so hoch waren wie im Winter, hatte ich immer viel zu tun. Meine Aufgabe war es, die großen Schiffe heil aus dem Hafen hinauszubegleiten und ankommende Schiffe wieder hinein. Ich bin 16 Meter lang, 5 Meter breit, orange lackiert und heiße Tania. Der Kapitän, der mich schon viele Jahre steuert, nennt mich liebevoll Tanni. Wir haben eine ganz besondere Beziehung zueinander aufgebaut, von der ich Ihnen heute erzählen möchte.

Vor vielen Jahren übernahm mich der Kapitän. Wir waren damals beide noch jung und unerfahren. Es war zu der Zeit, als Deutschland durch eine Grenze in Ost und West geteilt war. Oben im Norden – in Travemünde – war sie besonders gut sichtbar, verlief sie doch quer durch den Priwall und machte diesen zu einer Halbinsel für Westdeutschland. Sie durchquerte den Strand und sogar das Meer. Ein Irrsinn, aber es war damals so. Während im westlichen Teil des Priwalls die Menschen an den langen Sandstränden lagen, sich sonnten, badeten und das Leben genossen, war der Strand auf der anderen Seite verwaist. Lediglich einige Wachtürme waren errichtet worden und von diesen beobachteten und bewachten ostdeutsche Patrouillen ihr Land. Das Meer wurde durch eine harmlos wirkende Kette aus rot-weißen Kugeln abgegrenzt. Tag und Nacht fuhr im ostdeutschen Bereich ein Boot der Küstenschutzschiffsflotte. Das ehemalige Regime hatte größtes Interesse, dass hier niemand das „gelobte Land“ verließ. Segler aus dem westlichen Bereich, die sich zu dicht der Grenze näherten, wurden mittels Megafon in einem rauen und rüden Ton darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich nicht weiter dem Hoheitsgebiet der DDR nähern dürften. Es gab Fälle, in denen Schüsse abgegeben wurden, wenn die Segler Anweisungen nicht unmittelbar befolgten. Manchmal wurden sie nur in die Luft abgefeuert und es reichte in diesen Fällen aus, um die Boote zu vertreiben.

Eines Tages sprach ein Mann meinen Kapitän an, als er gerade im Hafen auf mich aufsteigen wollte. Der Mann war älter, ich schätzte ihn auf circa sechzig Jahre. Er fragte, ob wir ihm helfen könnten. Er würde heute Abend auf die Ostsee hinaussegeln und plante, in das Hoheitsgebiet der DDR einzudringen. Er durfte mit seiner Frau vor einem halben Jahr ausreisen, aber sie mussten ihre Tochter, Anfang zwanzig, zurücklassen. Diese hatte ihre Republikflucht danach akribisch geplant. Sie hatte ein Schlupfloch im Maschendrahtzaun an Land auf dem Priwall entdeckt und würde danach durch die Ostsee in die Freiheit schwimmen. Der Vater wollte mit seinem Segelboot das Patrouillenboot ablenken. „Das ist Wahnsinn, guter Mann“, meinte der Kapitän. Mit Tränen in den Augen sah der ihn an und wandte sich zum Gehen. Der Kapitän fasste ihn an die Schulter. „Was wäre meine Aufgabe?“, wollte er wissen. Der Mann drehte sich um: „Gegen 22 Uhr fährt die Nils Holgersson hinaus, ihr begleitet sie jeden Abend als Lotsenboot, wie wir beobachtet haben. Wir segeln hinter dem Fährschiff hinaus und kreuzen vor der mecklenburgischen Küste. Wenn Ihr zurückkommt, werden wir bereits die Grenzer provozieren. Eure Aufgabe sollte es nur sein, zusätzlich für ein wenig Ablenkung zu sorgen. Tut so, als ob ihr uns zur Rechenschaft ruft und meine Tochter kann ungehindert über die Grenze schwimmen.“ Wie selbstverständlich war er zum vertrauten „Du“ übergegangen. Er beförderte aus seiner Tasche eine Seekarte hervor. Der Kapitän blickte nach rechts und links, niemand hatte dieses Gespräch gehört. „Kommen sie an Bord“, meinte er...


Eine Leseprobe aus meinem dritten Buch

"Jahresausklang auf Madeira - Wellengeflüster in Portugal"

aus der Geschichte

Kreuzzug ins Glück?

Ich hatte mich umsonst gesorgt. An den folgenden zwei Seetagen hatten wir so gut wie keinen Seegang. „Marke Ententeich“, bezeichnete Spatzl fachmännisch das Meer und behauptete, diesen Ausdruck von einem sehr legendären Kapitän erlernt zu haben, den er auf einer seiner zahlreichen Kreuzfahrten in der Karibik gesehen und beobachtet hatte. Wir verbrachten gemeinsam eine wunderbare Zeit an Bord. Nur das Kapitänspaar machte uns Sorgen. Zwar hatte dieses sich nach seiner Rückkehr sehr erschrocken, als sie Frederic auf der Krankenstation vorgefunden hatte, doch es schien sie nicht genug zusammenzuschweißen. Immer, wenn sie sich alleine wähnten, sprachen sie über die bevorstehende Trennung. Paul und ich wechselten uns in der Überwachung den ganzen Tag ab.

Am Silvestermorgen durfte Frederic endlich die Krankenstation verlassen. Gegen 14 Uhr erreichten wir den Hafen von Funchal und machten als drittes Kreuzfahrtschiff an der Pier fest. Ganz vorn lag ein großes, blaues Schiff mit einem weißen Schornstein, welcher mit einem roten Zeichen geschmückt war, dass wie ein Lächeln aussah. Dahinter hatte gerade kurz vor uns, die Leinen waren noch nicht alle komplett vertäut, ein ebenso großes, weißes Schiff angelegt. An seinem Heck erkannte ich einen großen Außenbereich mit gelb-weißen Schirmen. Unser Schiff war deutlich kleiner als die zwei und man bekam eher den Eindruck, in einem Rettungsboot zu sitzen. Ich machte Paul auf die hübschen Zeichnungen von Schiffen an der sonst tristen Wand des Hafenbeckens aufmerksam. „Schön, staunte er, was die wohl zu bedeuten haben?“ Ich zuckte ratlos mit den Schultern… Frederic verließ schon kurz nach dem Anlegen mit seinen Eltern das Schiff. Zu seiner Genesung hatten sie ihm einen Ausflug mit dem legendären Korbschlitten versprochen. Paul und ich lagen in den zumeist unbenutzten Sonnenstühlen und dösten vor uns hin. Spatzl war nach Ankunft unseres Schiffes davongeflogen, er wollte sich ein wenig umsehen. Auf einmal kehrte er für uns, sehr überraschend, mit lautstarkem Gezwitscher zurück. Paul und ich klappten müde ein Auge auf. Neben ihm schwebte ein Engel! „Sind wir nun wirklich tot?“, fragte ich Paul. Dieser zuckte hilflos mit den Schultern. „Blödsinn“, meinte Spatzl, „ihr lebt. Da brachen wir in ein großes Gelächter aus. „Psst“, machte der Vogel, „das hier ist der ehrwürdige Amor, der Gott der Liebe. Ich habe ihn auf dem Schiff kennengelernt, welches vor uns liegt. Das mit dem schönen, roten Kussmund. Er hat nebenan einen Auftrag mit seinem Gehilfen zu erledigen und er hat Liebespfeile in seinem Köcher. Trifft sein Pfeil nur eine der auserwählten Personen, ist das Serum so stark, dass der Getroffene die andere Person in seinen Bann ziehen kann, dass diese sich auch verliebt. Das klappt auch bei ehemals Verliebten, hat Amor mir zugesichert.“

Paul und ich wechselten einen ungläubigen Blick. Ich fand diese Geschichte einfach unglaublich, wie so vieles auf dieser Reise. Amor surrte in der Luft mit seinen Flügeln und lächelte. „Versuchen wir es, wir haben nichts zu verlieren“, beschloss ich nach einer Weile...

Eine Leseprobe aus meinem zweiten Buch

"Wellengeflüster II Neue Seegänge mit Brina Stein"

aus der Geschichte


 Immer wieder dienstags

Es war am frühen Dienstagmorgen gegen 5 Uhr 30, als langsam und nacheinander folgende Schiffe den Hafen von Gran Canaria erreichten: Die Scandinavian Sun, die Adia Ram, die Silver Cinderella und die Dein Dampfer 4. Über zwanzig Mal im Jahr, zwischen Oktober und März, befuhren die vier Schiffe wöchentlich die gleiche Route um die Kanarischen Inseln. Ihre Häfen hatten während der Woche eine unterschiedliche Reihenfolge, doch der Hafen Puerto de la Luz von Las Palmas war stets jeden Dienstag der Treffpunkt. Hier erwartete sie ein Passagierwechsel im großen Rahmen. 10.000 Passagiere stiegen ab, die gleiche Anzahl an Neuen auf. Doch für den Abschiedsschmerz und die Euphorie des Urlaubsbeginns hatten die vier kaum noch einen Blick. Die menschlichen Gefühlswallungen waren zur Routine geworden.

Die Scandinavian Sun legte an diesem Morgen als Erste an der Pier an und hatte damit „das Rennen“ um den besten Liegeplatz gewonnen. Als die ersten Sonnenstrahlen an den Horizont traten, glitzerte ihre wilde, bunte Bemalung in der Sonne. Sie lächelte zufrieden vor sich hin. Ihre Gäste, zum größten Teil Amerikaner, würden sich über den kürzesten Bustransfer zum Flughafen freuen. Sanft schmiegte sie sich an die Kaimauer, ihre langen Leinen wurden fachmännisch um die Poller gelegt. Interessiert betrachtete sie aus sicherer Position das Gerangel der anderen drei vor der Hafeneinfahrt...


Eine Leseprobe aus meinem ersten Buch

"Wellengeflüster I Neunzehn Seegänge mit Brina Stein"

aus der Geschichte


 La vie en rose

Soeben trat ein in Weiß gekleideter Mann zu dem Fahrer und sagte:
„Antoine, bring‘ die Fässer mit dem Miel de Provence auf das Sonnen-Deck, die erste Koch-Show soll gleich nach dem Auslaufen beginnen und Monsieur Paul wartet.“
„Ihr bleibt hier“, herrschte Eve die Drohnen an, „ich bin gleich zurück.“
Die Drohnen nickten und nahmen am Heck direkt neben dem Tau Platz, mit dem das Segelschiff sorgsam festgemacht war. Eve flog zügig auf das Pool-Deck und oben angekommen, sah sie die aufgebaute Kochstation. Dahinter stand der Mann, den sie erwartet hatte. Monsieur Paul, Frankreichs Starkoch Nummer eins. Jérôme liebte Kochsendungen, und wenn sie abends noch ausflog und einen Blick in ein Wohnzimmer riskierte, hatte sie Monsieur Paul im Fernsehen gesehen.
„Er kocht jetzt gleich mit meinem Honig“, dachte sie stolz und für kurze Zeit schien sie ihr Anliegen zu vergessen. Da brachte Antoine den Honig. Monsieur Paul strahlte und öffnete sofort das Fass. Das musste Eve sich aus der Nähe ansehen. Der Starkoch probierte kurz eine Messerspitze und verdrehte entzückt die Augen. Dann verrührte er einen Teil des Honigs mit Frischkäse, Senf und Dill und schmeckte ihn mit Pfeffer ab. Als Nächstes schnitt er Räucherlachs in Scheiben. Eve zuckte zusammen. Ein Ruck ging durch das Schiff. Sie begann auf der Planke, auf der sie sich niedergelassen hatte, zu rutschen.
„Das Schiff legt ab“, dachte sie angstvoll, „und ich habe meinen Auftrag nicht erfüllt.“ Schnell flog sie zur Reling ...