Leseproben

Kapitel 1

 

Stille Nacht, heilige Nacht …

 

Die digitale Uhrzeitanzeige am Turm des Strandbahnhofs Travemünde zeigte genau 12 Uhr 50 als Hans-Hugo seinen schwarzen Phaeton mit quietschenden Reifen direkt vor dem Eingang zum Halten brachte. Josef gab einen erleichterten Laut von sich und sah seinen Freund strafend von der Seite an, doch dieser war schon aus dem Auto gesprungen. Sie waren zu spät; mindestens zehn Minuten. Langsam stieg auch Josef aus dem Auto. Genau in diesem Moment öffnete sich die wuchtige alte Holztür des Bahnhofs und Landfrau Rita stürmte heraus. „Hans-Hugo“, schrie sie aus Leibeskräften und stürmte auf ihn zu. Die Freunde tauschten eine innige Umarmung aus.

„Es tut mir leid“, japste Hans-Hugo nach Luft, „an der Priwallfähre war die Hölle los, ich musste zwei Fähren warten, scheint eine Massenflucht zum Jahresausklang zu sein.“

„Hallo Rita“, sagte Josef und kam auf die Landfrau zu. Er drückte sie innig. Herzlich erwiderte sie seine Umarmung. Dann begann sie sich umständlich eine Zigarette anzuzünden. „Wo ist Rosi?“, wollte Josef wissen. Rita deutete auf das Gebäude des Bahnhofs. Hans-Hugo und Josef traten ein und nach kurzer Zeit kamen sie zusammen mit einem voll beladenen Gepäckwagen und Rosi wieder hinaus.

„Zieht ihr nach Travemünde um?“, fragte Hans-Hugo aufgrund der Gepäckmenge und grinste. Dabei lud er mühelos die zahlreichen Koffer in seinen Wagen ein. Rita lächelte und drückte ihre Zigarette in einem der Aschenbecher aus, die den Bahnhofsvorplatz säumten. Als Hans-Hugo die Beladung beendet hatte, riss er die Türen seines Wagens zu den Rücksitzen auf und meinte galant wie er stets war: „Die Damen dürfen Platz nehmen.“

„Hans-Hugo, das ist ja eine Limousine, mir fehlen die Worte“, sagte Rosi und schaute schüchtern auf das beige, teure Leder der Sitze. Währenddessen ließ sich Rita ohne einen Kommentar auf dem Rücksitz nieder und man merkte, dass ihr sehr gefiel, was sie sah. Hans-Hugo wendete den Wagen und sie fuhren die Bertlingsstraße hinunter. Als Hans-Hugo nach rechts abbog, kreischte Rita: „Rosi, schau mal, das Meer.“ Sie konnten einen Teil der Strandpromenade von Travemünde einsehen und trotz des Nebels war es möglich, den gegenüberliegenden Priwall und ein wenig Ostsee schemenhaft zu erkennen.

„Da links die Promenade, rechts das A´frosa-Hotel“, mimte Hans-Hugo den Reiseführer.

„Und direkt vor uns liegt euer Hotel, das Meeritim“, ergänzte Josef schon wesentlich besser gelaunt.

„Huch, das ist ja viel höher als ich gedacht habe“, staunte Rita.

„Es beherbergt immerhin das höchste Leuchtfeuer Europas“, klärte Hans-Hugo auf.

Rita starrte auf das Hotel, das sich wie ein Klotz über der Ostsee erhob. Sie freute sich schon auf ihr Zimmer, das ihr hoffentlich in einer hohen Etage einen schönen Ausblick bieten würde. Josef blickte sich im Wagen um und suchte Rosis Blick. Diese strahlte ihn an. Bei der Hochzeit im vergangenen August waren sie sich näher-gekommen und Josef hatte sie seitdem zweimal in Wülferode besucht. Noch immer war es nur Freundschaft. Im Alter ging man die Sachen langsamer an, erst recht, wenn man über 70 war. Doch Josef war trotz seiner Schüchternheit entschlossen, langsam Nägel mit Köpfen zu machen. Rosi war Anfang 60 und seitdem er sie vor zwei Jahren kennenlernte, war er heimlich in sie verliebt. Als Hans-Hugo den Wagen die steile Auffahrt zum Meeritim hinauflenkte, flogen zwei Möwen über sie hinweg. Trotz der geschlossenen Fenster konnten sie die Vögel laut kreischen hören.

„Und endlich wieder Möwen“, freute sich Rosi, „ja, jetzt sind wir wirklich am Wasser.“ Rita schüttelte mit dem Kopf und zeigte Rosi einen Vogel. „Auf der Weltreise hast selbst du Möwen fotografiert“, gab Rosi sichtlich beleidigt zurück.

„Ja, wenn sonst nichts zu sehen war“, antwortete Rita und sprang unternehmenslustig wie ein junges Mädchen aus dem Auto, das zum Halten gekommen war. Schon öffnete sich die große Glastür des Hotels und ein Page trat heraus. Er trug eine rote Uniform und eine schwarze Kappe, auf der der Name des Hotels stand. Freundlich begrüßte er Rita mit einer angedeuteten Verbeugung: „Herzlich Willkommen, gnädige Frau.“ Rita nickte so vornehm wie sie nur konnte. Dann fiel ihr Blick auf einen alten Leuchtturm und sie sah, wie sich eine Kutsche durch die Menschenmenge ihren Weg bahnte.

„Was ist denn da los?“, schrie sie Hans-Hugo zu, der gerade aus dem Auto ausgestiegen war und Rosi hinaus half.

Auch diese schaute hinunter und meinte staunend: „Der Weihnachtsmann und das Christkind.“

„Ein alter Brauch am Heiligen Tag bei uns in Travemünde“, erklärte der Page, doch niemand hörte ihm zu.

„Da will ich sofort hin“, kommandierte Rita.

„Ich auch“, bestätigte Rosi.

Hans-Hugo lächelte und meinte: „So, Mädels, ihr bezieht jetzt erstmal euer Zimmer. Josef und ich warten in der Lobby und dann fahren wir hinüber auf den Priwall zu Ute und Kalli. So war es doch vorgesehen, oder?“ ….

 

Aus dem Kapitel: „Das Salz der Südsee“

„Ach, hier bist du, na da kann ich dich ja lange suchen“, sagte Rosi, die plötzlich vor Jessicas Liege stand. Jessica blickte auf.
„Wo ist denn Tim?“
Jessica zuckte mit den Schultern.
„Wir hatten Streit“, verriet sie und klappte ihren Laptop zu.
„Magst du darüber sprechen?“, fragte Rosi.
„Nee, eigentlich nicht“, meinte Jessica, fügte aber noch hinzu: „Er hat für mich heute um 16 Uhr einen Arzttermin im Hospital gemacht, weil ich nach dem Frühstück das Omelett ausgespuckt habe.“
Rosi nickte, im Grunde beruhigte sie das sehr und sie streichelte Jessica sanft über die Wange, als sie sah, dass diese Tränen in den Augen hatte. Sie schaute auf die Uhr, es war kurz vor 12. Sie zog Jessica mit sich hoch und meinte: „Du gehst jetzt mit uns zum Mittagessen, wir gehen heute mal nach Deck 2 und lassen uns am Platz bedienen. Danach kommen ja diese Piraten, also ich habe ein wenig Angst, sind bestimmt Wilde, die da an Bord kommen, aber Rita und Ute wollen danach unbedingt die Verkaufsstände im Atrium besuchen. Die zwei meinten, sie seien total untershoppt bei diesen ganzen Seetagen, dabei hat Ute doch kaum noch Geld. Da gehst du auch mit.“
Jessica war sehr froh über diese lieb gemeinte Einladung und folgte Rosi gern. So musste sie wenigstens nicht allein essen, wobei sie jetzt erst merkte, dass sie wirklich Hunger hatte.

Nachdenklich blieben die Geister zurück, die noch immer auf dem Kopfteil der Liege saßen. Eine Weile sprachen sie kein Wort, dann meinte Paul: „Also, was Jessi da schreibt, ist wirklich großartig, da hat man beim Lesen gleich Bilder im Kopf.“
„Hm“, war Erwins Antwort.
„Ich glaube, sie erkennt ihr Talent gar nicht“, fuhr Paul fort.
Erwin schwieg.
„Hast du was?“, wollte Paul wissen.
„Ich denke gerade über diese Weltreisenden nach“, gab Erwin zu.
Fragend hob Paul seine rechte Augenbraue.
„Man denkt doch, wenn jemand so eine Reise macht, dann ist das die absolute Glückseligkeit. Einmal im Leben die ganze große Freiheit genießen, die schönsten Plätze der Erde sehen. Tatsächlich aber schleppen sie alle ihre Probleme von zu Hause mit an Bord und diese vertiefen sich zum Teil auch noch. Seltsam, oder?“
„Ja“, fand Paul, „speziell Jochen ist auch noch immer ein Problem. Nun hat er zwar ein neues Handy, weiß Iris‘ Nummer aber nicht auswendig. Ich hörte, wie er sich bei Silvia beklagte, dass seine Smartcard wohl auch kaputt sei.“
„Ob Silvia damit vielleicht sogar etwas zu tun hat?“, mutmaßte Erwin.
Paul zuckte mit den Schultern und wechselte das Thema: „Willst du dir denn auch gleich die Piraten ansehen?“
„Klar“, meinte Erwin.
„Hoffentlich tun die uns nichts. Das Schiff werden sie wohl nicht kapern, oder?“
Erwin brach in einen Lachkrampf aus und haute Paul gut gelaunt auf die Schulter. Dann sagte er: „Paul, das kann uns doch egal sein, sie können uns doch nicht sehen.“
Paul schlug sich mit der Hand an den Kopf und schüttelte sich nun auch vor Lachen, wieso vergaß er bloß immer, dass er ein Geist war? Kurz kam in ihm wieder das Warum auf, doch als Erwin rief: „Schau, da am Horizont sind die Pitcairn Islands schon zu sehen, lass uns hinauffliegen nach Deck 14“, schob er diesen Gedanken schnell und sehr gern beiseite.

Im Restaurant auf Deck 2 war mittags freie Platzwahl, doch als die Landfrauen und Jessica sahen, dass ‚ihr‘ Tisch 10 noch komplett frei war, steuerten sie, ohne sich abzustimmen, direkt auf diesen zu. Sie ließen sich auf ihre abendlichen Plätze fallen und Don Michael winkte ihnen erfreut zu. Rita war wieder schwer mit ihren Häkelsachen beladen. Als sie nachfragte, wo Tim sei, begann Jessica nochmals, die Geschichte von heute Morgen zu erzählen. Sie ließ sogar die Geschichte mit dem hinterhergeworfenen Schuh nicht aus. Rita bog sich vor Lachen, wurde aber gleich wieder ernst, als sie Jessicas traurigen Blick sah. Diese schämte sich sehr für ihren unkontrollierten Ausbruch. Bevor Rita gute Ratschläge erteilen konnte, nahte Don Michael auch schon mit der Mittagsspeisekarte. Still begannen die Frauen zunächst darin zu lesen.
„Schon wieder Bohnensuppe, man echt, die kann ich auch zu Hause essen“, stöhnte Rita genervt auf, „ewig wiederholt sich hier alles.“
„Oh, Tortellini alla panna“, freute sich Jessica, denn das war eins ihrer Lieblingsgerichte.
„Grasschnitzel“, las Ute vor, „was zum Himmel ist denn ein Grasschnitzel? Also die Übersetzungen in die deutsche Sprache sind mehr als schlecht.“
„Grasschnitzel gab es schon mal, was essen wir denn nun?“, piepste Rosi.
Rita winkte dem Kellner und schrie:
„Tortellini tutti, tutto bene?“
Don Michael lächelte entspannt und begann, die Getränkebestellungen aufzunehmen. Rita beugte sich über den Tisch und wollte gerade, wie Jessica vermutete, das Thema Tim wieder aufnehmen, als Silvia, Jochen und Jan an den Tisch traten.
„Ist bei euch noch frei?“, fragte Silvia.
Alle bejahten. Jan jubelte, weil der Platz neben Jessica noch frei war und er nun dort sitzen durfte. Sollten Silvia und Jochen überrascht sein, dass Tim nicht da war, sie ließen es sich nicht anmerkten und fragten auch nicht nach ihm. Jessica hatte nachmittags an einem der letzten Seetage mal allein mit Silvia Kaffee getrunken und sie hatten sich gegenseitig ihr Herz ausgeschüttet. Deshalb war Jessica genau im Bild über die katastrophale Lage der Familie. Heute sah sie Silvia an, diese lächelte, was Jessica für ein gutes Zeichen hielt. Sie war von dieser Frau beeindruckt, die beschlossen hatte, wie eine Löwin um ihren Mann und ihre Ehe zu kämpfen. Dazu gehörte eine besondere Stärke. Rita lehnte sich wieder zurück. Sie würde Jessica später ihre guten Ratschläge in puncto Männer erteilen. Jessica wandte sich Jan zu, als sie sah, dass er sein geliebtes Kuscheltier gar nicht bei sich hatte: „Hat Cruisy denn gar einen Hunger?“
„Nee“, brabbelte der Kleine, „der sitzt auf der Kabine und beobachtet das Meer. Gleich kommen nämlich echte Menschen an Bord, die wohnen da.“
Er deutete auf die Insel, die nun immer näher kam. Sie war sehr bergig und steinig, aber sie leuchtete in der Mittagssonne in einem satten Dunkelgrün. Jessica lächelte.
„48 Menschen leben da, alles Piraten“, erklärte Jan mit wichtiger Stimme, „aber nur 24 kommen, der Rest ist sicher in der Schule.“
„Woher weißt du das denn?“, fragte Rosi kauend nach.
„Tante Herlinde hat mir das heute Morgen erklärt“, trumpfte Jan auf.
„Dass die mal was weiß“, konterte Rita.
Alle am Tisch grinsten, Jan packte weiter aus:
„Das sind alles die Maurer von der Bounty.“
„Meuterer, heißt es, Jan, und es sind heute keine Piraten mehr, sondern die Nachfahren“, verbesserte Silvia und schlug die Speisekarte auf, die Don Michael ihr reichte. Ihr Sohn sah sie mit großen Augen an, dann meinte er: „Was ist denn meutern?“
Sein Vater strich ihm liebevoll über den Kopf und erklärte: „Das, was du machst, wenn du abends ins Bett sollst und nicht willst.“
Jan nickte, insgeheim freute er sich, dass er so viel Talent hatte wie diese Leute, die ja bestimmt schon erwachsen waren.
„Wenn ich groß bin, werde ich dann auch Pirat, denn meutern kann ich ja schon.“
Damit erheiterte er nicht nur Tisch 10, sondern auch alle deutschsprachigen Gästen, die in der Nähe saßen und ihn hören konnten.
„Pirates, pirates“, rief Don Michael aus und deutete mit seinem Zeigefinger auf das Meer.
Alle sprangen auf und sahen hinaus. Ein kleines Boot, welches neben ihrem großen Kreuzfahrtschiff wie eine Nussschale wirkte, fuhr direkt auf die Kosta Onda zu. Sie erkannten Menschen, die dem Schiff fröhlich zuwinkten. Alle an Tisch 10 winkten aus Leibeskräften zurück, und Rosi begann vor Rührung zu weinen.
„Das ist so nett, dass die uns besuchen kommen“, meinte sie gerührt.
„So, wenn die Piraten winken, dann hast du also keine Angst mehr vor denen“, kommentierte Rita kopfschüttelnd.
„Sind das nun wirklich Piraten oder nicht?“, quengelte Jan.
Die Antwort darauf bekamen die Landfrauen und Jessica nicht mehr mit, denn sie hatten eilig den Speisesaal verlassen, um mit dem Lift nach Deck 9 hinaufzufahren, schließlich mussten die Besucher doch gebührend empfangen werden! Zurück blieben vier halbvolle Teller Tortellini alla panna, die Don Michael natürlich sofort abräumte.